Willkommen im Blog Geschichte & Marketing

September 16th, 2011

Kurz zur Einführung: Was machen wir?

Wir sind Historiker, die für Unternehmen deren Geschichte recherchieren, ordnen und auch schreiben. Meistens bestellen Firmen eine Festschrift, wenn sie ein rundes Jubiläum haben. Das Jahr unter dem Jubiläumsmotto, die Festschrift gibts zur Feier für alle wichtigen Kunden und die Mitarbeiter. Und parallel dazu nutzt das Marketing die Texte, die wir geschrieben haben, und die historischen Bilder, die wir recherchiert haben, um für die Firmenzeitung einen Artikel zu verfassen, für die Feier einen Film machen zu lassen, die Rede vom Chef wird mit den Infos gespickt und die Presse damit geimpft.

 

Und noch einen Kommentar zum Bild in der Kopfzeile: Eine Chemikerin, die in den 1920ern die Chemie für Spielfilmentwicklung zusammenstellt – 100 Jahre für den Film. Die Geschichte der Geyer Werke und der CinePostproduction.

Auftragsgeschichte = Schönfärberei?

September 30th, 2011

AuftragsgeschichteBestimmt der, der zahlt, über die Ergebnisse? Dürfen wir überhaupt die Wahrheit schreiben? Ich möchte hier nicht die philosophische Frage debattieren, ob und wie Wahrheit / Objektivität / Unvoreingenommenheit in der Wissenschaft und speziell in der Geschichtswissenschaft funktionieren kann oder eben nicht. Konkret haben wir Auftragshistoriker ein Problem mit unserer Objektivität, vielleicht sogar mehrere Probleme gleichzeitig.

Der Auftraggeber zahlt und erwartet ein Ergebnis. Was wenn das Ergebnis den Erwartungen nicht entspricht?

Uns ist das schon passiert. Wir haben für den VdW Bayern, den Dachverband der Wohnungsunternehmen in Bayern, die Chronik geschrieben und haben das WGG, das Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetz von 1940, nur knapp erwähnt aber es nicht umfassend gewürdigt. Das Gesetz und seine Vorläufer waren in ihrer Zeit nicht kritisch diskutiert worden, sie hatten sich – man könnte fast sagen – geradezu organisch entwickelt. Mit den Jahren hatte es immer mehr einzelne Regeln der Gemeinnützigkeit gegeben, die dann 1940 in einem Gesetz gebündelt wurden. Für die Zeitgenossen war das praktisch, änderte in der Praxis aber nahezu nichts. Das WGG galt die nächsten Jahrzehnte bis es schliesslich zum 1. Januar 1990 esatzlos gestrichen wurde. Jetzt waren die ehemals gemeinnützigen Wohnungsunternehmen dem Markt vollständig ausgesetzt. Einige nutzten die neuen Chancen, einige gingen zu Grunde, die meisten machten so weiter wie bisher. Trotzdem ist dieser Wegfall des WGG eine Art Gründungsmytos für den modernen Sozialwohnungsbau. Und wir hatten das nicht erkannt, denn in den Quellen hatte es diese mystische Bedeutung nicht.

Wir haben unseren Text einem erfahrenen Wohnungswirtschaftler zum Lesen gegeben. Dieser hatte erwartet, dass das WGG, als es erlassen worden war, ein ähnliches Erdbeben ausgelöst hatte, wie als es gestrichen wurde. Und jetzt haben die Historiker nichts davon geschrieben – wissen die überhaupt, wovon sie schreiben?

Das gab eine kurze Missstimmung, die wir aber schnell ausräumen konnten. Jetzt gibt es einen sehr interessanten Abschnitt in unserem Buch, wie sich die Gesetzgebung zum sozialen Wohnungsbau entwickelt hat. Aber das grundsätzliche Problem bleibt: Der Auftraggeber und die Fachleute für einen Wirtschaftssektor haben eine Erwartung, die die Geschichte nicht hergibt. Was tun?

Grundsätzlich – und das zeigt auch das VdW Bayern WGG Beispiel – haben die Vorstellungen und Erwartungen des Kunden meist einen realen Hintergrund (das WGG gab es, es löste ein Erdbeben aus, als es abgeschafft wurde, nur die historische Bedeutung war anders). Und diesen realen Hintergrund kann man darstellen und die Geschichte schreiben, wie es zu der Erwartung des Kunden/des Insiders gekommen ist, ohne sich oder die Geschichte zu verbiegen. Und wenn man das gut macht, lösen sich die Probleme.

Jetzt gibt es natürlich auch Themen / Erwartungen des Kunden, die man nicht erfüllen kann, weil sie historisch nicht stimmen. Klassische Beispiele sind Heldenbilder von Firmengründer (er war im Widerstand gegen die Nationalsozialisten – und wir finden Unterlagen zu Arisierungen), oder das stetige Wachstum der Firma (aber es gab Insolvenz-Verhandlungen Ende der 1960er Jahre). Dazu später ein eigener Eintrag.